Schule – Bildung – Gesellschaft

Eine Schule zu besuchen und Bildung zu genießen ist ein Privileg, das auch in Deutschland erst seit knappen siebzig Jahren Kindern aus allen Gesellschaftsschichten gleichberechtigt zugestanden wird.

Der Erziehungs- und Bildungsauftrag der Schule bestimmt sich aus den im Grundgesetz verankerten Grundrechten. Gemäß Art 7 untersteht das gesamte Schulwesen der Aufsicht des Staates. In Art 3 ist die Gleichberechtigung aller Menschen festgeschrieben, aus dem heraus sich der Erziehungs- und Bildungsauftrag im Schulgesetz § 1 entwickelt.
Darin steht, dass jeder junge Mensch - ohne Rücksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage - das Recht auf eine seiner Begabung entsprechenden Erziehung und Ausbildung hat. Darüber hinaus soll er (der junge Mensch) auf die Wahrnehmung von Verantwortung, Rechten und Pflichten in Staat und Gesellschaft vorbereitet werden.

Bereits um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert befassten sich Reformpädagogen mit einem humanistischen Bildungsideal, das die Persönlichkeitsentwicklung in den Mittelpunkt von Bildung und Erziehung stellt. "Genau hieran hatte Wilhelm von Humboldt angeknüpft, als er nur die Allgemeinbildung als wahre Menschenbildung anerkannte. Alle Fachausbildung sollte ihr nachrangig folgen." (1)

Im Zuge der zunehmenden Globalisierung und des weltweiten Konkurrenzkampfes "...drängen die Reformer auf ein Bildungssystem, das sich, wie gesagt, an der Frage seiner Verwertbarkeit für die gegenwärtige und zukünftige Wirtschaft orientieren soll." (2)

So zumindest beschreibt der Philosoph, Publizist und Autor Richard David Precht ernüchternd die aktuelle Situation. Im Zuge dessen ist nicht mehr von jungen Menschen in der Schule die Rede, deren Persönlichkeit sich entwickeln darf, sondern von " ... Humankapital, das dort angelegt ist. Und um damit konkurrenzfähiger zu sein, bedarf es seit den neunziger Jahren einer Qualitätsoffensive auf dem Bildungsmarkt." (3)

Sehr ausführlich beschreibt er die Fehlentwicklungen einer Politik, die sich darauf fixiert, Bildung messbar machen zu wollen. Er betont in diesem Zusammenhang, dass eben nur selektive und quantitative Aspekte von Bildung berücksichtigt werden, so z. B. die mathematische Kompetenz, die Lesekompetenz und naturwissenschaftliche Grundlagen.
Musikalische, sportliche Begabungen, historische oder politische Bildung wird bei dieser Bestandsaufnahme gar nicht berücksichtigt, ganz zu schweigen von sozialen Kompetenzen, Orientierungswissen oder Herzensbildung - wie der berühmte Hirnforscher Gerald Hüther bemerkt.
Precht stellt mit Recht die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Tests, die ihrerseits Unmengen an Steuergeldern verschlingen.

Einziger Vorteil, den die PISA-Studie wohl nach sich zog, ist die große Diskussion um die Qualität der Bildung an unseren Schulen und den eindeutigen Beweis dafür, dass der Traum von der Bildungsgerechtigkeit in unserem Lande weit entfernt ist von der Wirklichkeit.
"Vergesst das völlig veraltete Schulsystem!", erlaubt sich Gerald Hüther in der ZDF-Sendung "Precht: Skandal Schule - Macht Schule dumm?" zu sagen, und er bemängelt die völlig veralteten Strukturen unseres Bildunsgssystems, das gehirngerechtes und kreatives Lernen eher verhindert als fördert.

Der Neurobiologe, Arzt und Psychiater Joachim Bauer betont in seinem Buch "Lob der Schule" die Wichtigkeit von Schulen als Lebensorten, die von dem Journalisten Reinhard Kahl als "Treibhäuser der Zukunft" beschrieben werden. Nicht selten jedoch erleben Kinder und Jugendliche in seinen Augen die Schule als Orte des Grauens. "Angst, unentwegter Lärm, Hetze, überzogener Leistungsdruck, Demütigungen, Einengung und die Gefahr körperlicher Gewalt aktivieren im Menschen einen biologischen Apparat, den Neurobiologen als Stresssystem bezeichnen. (5)
Weiter beschreibt er, dass Angst und Stress sich geradezu als Bildungskiller darstellen, denn Konzentration und Aufmerksamkeit - eine wichtige Voraussetzung fürs Lernen - können sich hier nicht durchsetzen. Mit Recht prangert er die schulischen Misstände an, die landesweit vorherrschen.
In seinem Buch "Selbststeuerung" stellt er die Frage, ob wir inzwischen in eine neue Phase von "Schwarzer Pädagogik" getreten sind, und macht dies am Beispiel von unter dreijährigen in Betreuungseinrichtungen deutlich. Er legt offen dar, dass der personelle Schlüssel in diesen Einrichtungen überhaupt nicht den Ansprüchen an eine gesunde kindliche Entwicklung entspricht, da er die Bildung von gesunden Beziehungsmustern beim Kleinkind nicht zulässt. (6) Dieser "ungesunde" Personalschlüssel setzt sich in den weiterführenden Einrichtungen meist fort. Er befürchtet nicht ohne Grund, dass Ganztagesschulen mehr zu reinen Aufbewahrungsanstalten verkommen, als sich zu Treibhäusern der Zukunft zu entwickeln. Darüber hinaus warnt er vor den Folgen des zunehmenden Gebrauchs moderner Medien und dem damit zusammenhängenden Suchtpotential.
"Trainiert wird mit den modernen Medien viel zu sehr das GO, die schnelle und wie automatisch ablaufende Reaktion, und viel zu wenig das NO GO, also das Innehalten und Nachdenken." (7)

Die Selbstkontrolle - eine der wichtigsten Voraussetzungen neben der Beziehungsfähigkeit für die Möglichkeit  zur Selbststeuerung geht noch weiter verloren, wenn dem nicht bewusst entgegengesteuert wird.

Die Fähigkeit zur Selbststeuerung aber ist eine unbedingte Voraussetzung zum "Individuellen Lernen", was in der Schule immer mehr gefordert ist. Dass sich die Gesamtsituation deutlich verbessert in den nächsten Jahren, ist schwerlich zu erwarten, denn hierzu "... bedarf es eines Milliardenprogramms für unsere Schulen, eines Programms, das - neben einer personellen Aufstockung - unter anderem auch erhebliche Baumaßnahmen erfordert, die nicht allein von den Kommunen finanziert werden können."(8)

Der schulische Erfolg (und daran geknüpft der berufliche Erfolg und die Qualität der Lebensführung) wird also mehr denn je von der Fähigkeit junger Menschen abhängig sein, selbstgesteuertes Lernen leben zu können und ihre Individualität positiv und sinnvoll zu entfalten.
"Die Erziehung zu gelingender Selbststeuerung ist ein Balanceakt. Von denen, die in pädagogischer Verantwortung stehen, fordert sie ein Gleichgewicht zwischen empathischer Zuwendung, dem Mut zu pädagogischer Führung und dem Gewähren von Freiheitsräumen, die es Kindern und Jugendlichen ermöglichen, Autonomie zu erleben und ihre ganz eigenen Erfahrungen zu machen."(9)

Einem afrikanischen Sprichwort zufolge " braucht es ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen". 

Alle an der Erziehung beteiligten Personen müssen an einem Strang ziehen. Dazu braucht es mehr denn je die Eltern, also erziehungsberechtigte Mütter + Väter!, Lehrer und im Bedarfsfall auch Sozialarbeiter, Erziehungsberater, Lernberater und Psychologen.
Um den Lernprozess des jungen Menschen zum Gelingen zu führen, das Kind in die Mitte zu nehmen, braucht es allerdings nicht nur gemeinsame Zielsetzungen der Erwachsenen und deren Austausch, sondern vor allem auch die Partizipation des jungen Menschen.
Für diesen muss das Ziel letzendlich attraktiv, sinngebend und motivierend sein auf der Basis seiner Begabungen und seiner Persönlichkeit.
Allein auf der Grundlage von Gesprächen können Erkenntnisprozesse angeregt werden.  

Mehr Wirksamkeit und Nachhaltigkeit kann in der kinesiologischen Lernberatung erzielt werden durch ganzheitliche Erarbeitung der Themenbereiche, die den persönlichen und schulischen Erfolg des Kindes / des Jugendlichen beeinträchtigen. Nur eigene Zielvorstellungen des jungen Menschen können somit in Verbindung mit "realistischen Einschätzungen" zu Lösungsansätzen führen, die auch wirklich konsequent verfolgt werden.

So kann die kinesiologische Lernberatung darin unterstützen dem Schüler / der Schülerin verschiedene Themenkomplexe, die sie am erfolgreichen Lernen hindern,  mit allen Sinnen zu durchleuchten, diese zu klären und damit die Selbstverantwortung und in Folge die Selbststeuerung zu stärken.

 

 

 

(1) R.D. Precht. Anna, die Schule und der liebe Gott. München 2013. S.82
(2) R.D. Precht. Anna, die Schule und der liebe Gott. München 2013. S.84
(3) R.D. Precht. Anna, die Schule und der liebe Gott. München 2013. S.85
(4) R.D. Precht. Anna, die Schule und der liebe Gott. München 2013. S.88ff
(5) J.Bauer. Lob der Schule. Hambur 2007. S. 38ff
(6) J. Bauer. Selbststeuerung. München 2015. S.63ff
(7) J. Bauer. Selbststeuerung. München 2015. S.66
(8) J.Bauer. Lob der Schule. Hambur 2007. S. 48
(9) J. Bauer. Selbststeuerung. München 2015. S.69